Die Entwicklung der Bundesgewerbeschule bzw. Höheren Technischen Bundes-Lehr–(und Versuchs-) Anstalt 1945 bis 1999
Kriegsende 1945: die Schulgebäude sind arg mitgenommen, in teilweise fensterlosen, ungeheizten Räumen wird Unterricht von Lehrern geführt und von Schülern ertragen. Die Schülerzahlen erreichen Rekordhöhe, vor allem die älteren Schüler – oft Heimkehrer – arbeiten ernst und verbissen, um versäumte Jahre aufzuholen.
Not macht erfinderisch – und kreativ. In diesem Sinn reagierte 1946 der technisch –gewerbliche Zweig des Unterrichtswesens; in einem verantwortungsbewussten Kraftakt entstand das Ischler Programm, welches neue und nachhaltige Akzente setzte: Neben modernen Lehrplänen erfuhr der Werkstättenunterricht eine entscheidende Aufwertung: die Stundenanzahl wurde bis aufs Vierfache erhöht; konnten bislang im W-Unterricht nur Fertigungsprozesse, erst sekundär Fertigkeiten vermittelt werden, so wird ab nun eine so gründliche Ausbildung angestrebt, dass die Schulabgänger mit Absolventen einer Lehre in Wettbewerb treten können. Dadurch wurde die Verwendbarkeit der Abgänger vervielfacht.
Dieser Erfolg wurde durch hohen Fleiß und Zeitaufwand der Schüler (47 Wochenstunden) erarbeitet. Dieser Standard wurde seit Mitte der 70er Jahre schrittweise abgesenkt.
Paradebeispiel ist das schulübergreifende Programm „Schüler fertigen Drehbänke für Schüler“.
Der Konstruktionsplan entstand 1950 in der Schellinggasse (FL Ing. Anibas), 1952 war der Prototyp fertig. (Abb. 4).

(Abb. 4) „Die“ Drehbank
Insgesamt wurden bis ca. 1985 weit über 400 Stück gefertigt (heute ist das Projekt zum Erliegen gekommen, im Gegenteil: Die restlichen Exemplare sollen ausgeschieden werden, weil sie nicht mehr den Sicherheitsstandards entsprechen).
Am Bauhof war der Unterricht durch Zerstörungen sowie militärische Besetzung des Gebäudes verunmöglicht. Aus der Not eine Tugend machend, wirkten die Bauschüler an öffentlichen Wiederaufbau-Projekten mit, z.B. am Dach des Stephansdomes, der Sezession oder am Fuhrhof des Schlosses Schönbrunn. Dann wurde 1952/53 in Selbsthilfe – Arbeit eine provisorische Zimmerer-Werkstätte erbaut.
Die rasante technische Entwicklung und Spezialisierung in den Jahrzehnten nach dem Krieg schlägt sich in der Expansion unserer Lehranstalt bis 1982 nieder – sowohl was die Anzahl Schüler und Klassen betrifft als auch bezüglich Vielfalt der Abteilungen.
Als besondere Pionierleistung ist dabei zu würdigen, dass ab 1956 – als erste in Österreich -eine Abendschule für Berufstätige begründet wurde und bald zum Bestseller wurde. (Zumindest so lange der Nachholbedarf anhielt und Konkurrenz fehlte): ab Feber 1956 BM und BE, ab 1962 für Hochbau, ab 1963 BN.
Das Angebot an Fachabteilungen der Tagesschule wuchs 1964 um die Höhere Abteilung für Hochfrequenz- und Nachrichtentechnik, 1965 begann die Höhere Abteilung für Flugtechnik und ab 1972/73 wurden Kollegs zu vier Semestern eingerichtet. Damit nicht genug, wurden wieder Fachschulzüge gestartet, diesmal als vierjährige Version, und zwar ab 73/74 aus Maschinenbau und Hochbau, später auch für N-Schüler.
Nicht zu vergessen die altgediente dreisemestrige Bauhandwerkerschule in zwei Zügen (für Maurer und Zimmerer) und ab 1954 ein Bodenlabor.
Solcherart wetteiferte die HTL Schellinggasse mit dem TGM um den Rang der Wiener Schule mit der höchsten Anzahl an Schülern. Diese erreichte etwa 2200. Dass mit dieser Expansion die Beschaffung von zusätzlichem Schulraum nicht Schritt halten konnte, liegt auf der Hand.
An Akquisitionen sind zu berichten:
Jänner 1965 Inbetriebnahme des neuen Theoriegebäudes am Grundstück 3, Leberstraße 4c
ab Oktober 1965 Rückgliederung des Traktes Fichtegasse an das Stammgebäude der Schellinggasse
ab 1970 Traglufthalle für den Turnunterricht am Grundstück Leberstraße 4c,
niedergebrochen zu Ostern 1981.
ca 1976 bis 1985 provisorische zweigeschossige Werkhalle für die Grundausbildung, Gebäude Leberstrasse
1972 Eröffnung eines straßenseitigen Zusatz-Traktes zum Gebäude aus 1965
ca 1977 bis 1982 angemietete Räume (Werkstätten und Klassen) im 1. Stock des Fichtehofs in der Schellinggasse
ab 1.1.1985 Beziehen eines großzügig ausgebauten Werkstättentraktes in der Rennwegkaserne, 3, Rennweg 69b, als Ersatz für die abhanden gekommenen Nutzflächen in der Leberstraße.
Im Herbst 1980 fand eine opulente 100-Jahr-Feier statt, deren Höhepunkte waren ein Festakt im Wiener Musikverein-Saal, Ausstellungen im ganzen Schulgebäude sowie im Künstlerhaus sowie eine geschlossene Vorstellung in der Staatsoper (Verdi/Othello).
Schon in diesem Jubeljahr erschienen Vorzeichen für einen großen Strukturwandel unserer Schule. Da kein Baum in den Himmel wächst, wurde der oben beschriebene Riesenwuchs durch – viel diskutierte Entscheidungen des BMU beendet und 1982 folgendermaßen umgesetzt:
1) Auslagerung der Abteilung Flugtechnik an die HTL Eisenstadt (auslaufend, letzte F-Reifeprüfung in Wien im Juni 1986)
2) Verselbständigung der Expositur Leberstraße zu einer eigenständigen Hoch- und Tiefbau HTL (Camillo Sitte Lehranstalt), welche dann einen großzügigen Neubau erhielt, nebst Absiedlung der Werkstätten für M, E und N aus diesem Areal.
Was seit etwa 1970 oder sogar 102 Jahren gemeinsam gewachsen ist, lässt sich nicht über einen Schulsommer hinweg völlig trennen; dies betrifft Räume, Inventar und personelle Verknüpfungen. Erst im August 1989 konnte ein abschließender detaillierter Bericht über die zu Ende gebrachte Entflechtung der Schulen an das BMU abgeführt werden.
Trotzdem bleiben die Probleme Raumnot, Turn-Ort, Betriebslabor, Wanderklassen etc. als treue Begleiter zurück; diverse Gerüchte oder auch konkrete Pläne betreffend einen neuen Standort der Schule kamen und gingen, insbesondere sei berichtet:
· Eine neue zentrale HTL durch Verbauen der Aspanggründe
· Überbauung der Gleisanlagen des Westbahnhofs nach dem Vorbild des F.J. Bahnhofes unter Einschluss einer HTL
· In den 1990er Jahren sollte dem Werkstättentrakt in der Rennweg-Kaserne ein Theoriegebäude zur Seite bzw. in den Hof gestellt werden; dafür gab es sogar schon einen Architekten und Baupläne. Jedoch vereitelten die Auflagen des Denkmalschutzes (Waisenhaus Kirche) das nötige Bauvolumen.
· Als dann als nächstes Projekt ein Umbau der Tabakregie in Ottakring die Gerüchtebörse belebte, glaubten die wenigsten Schulangehörigen, dass es diesmal zur Realität werden könnte…, aber dieses Mal hatte es dann geklappt und es wurde Realität.